Die U-Bahnschwalbe

Was ist das für eine Frau, die jeden Nachmittag auf dem U-Bahnhof steht?

Dünn ist sie. Die Beine lang und so dürr, dass es kaum fassbar scheint, dass sie dafür Skin Tight Jeans gefunden hat. Socken trägt sie nie. Dafür aber Pumps, die fein wirken. Teuer waren die, das sieht man sofort. Und gepflegt sind sie. Schwarzer Leder, auf Hochglanz poliert.

Dazu eine kurze Jacke aus viel zu dünnem Leder für den kalten Wind und zu dick für heiße Sommertage. Aber die Jacke scheint festgewachsen, ist täglich dabei, bei jedem Wetter.

Die Haare sind dunkel und kurz. Fast jungenhaft sieht sie aus. Die harten Gesichtszüge, die konturlose Figur. Lange Fingernägel in dunklem Rot sprechen eine eindeutige Sprache. Ausgemergelt das Gesicht, der Körper. So fressen nur Drogen an einem. Nur die können einen so aushöhlen.

Da steht sie, lehnt an der Wand neben der Treppe, dort, wo es besonders zieht, wo die Menschen von der Straße abgetaucht in den U-Bahnhof gelangen. Steckt sich eine Zigarette an und scannt jeden, der an ihr vorbei geht.

Spricht nur Männer an. Solche, denen man ansieht, dass sie Geld verdienen. Und nie sehe ich einen davon ihr etwas geben. Eher wirken die Männer erschrocken, als wären sie bei etwas erwischt worden. Aber oft genug muss es ja klappen, sonst stünde sie nicht jeden Tag wieder hier, oder?

Bordsteinschwalben, die gab es früher in Berlin. Und gibt es heute noch. Die Evolution hat wohl eine U-Bahnschwalbe hervorgebracht.

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