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Sommerabend in der Notaufnahme

Wo sind eigentlich all die hilfsbereiten Menschen, wenn man sie braucht? Und warum schauen alle nur weg?

Auf dem Weg nach Hause – und ein bisschen Regen fiel bereits – beschloss der LKW-Fahrer (auf der Busspur) mit seinem 75Tonner (gibt es das? jedenfalls war er lang und groß und blau und hatte einen Anhänger) plötzlich die Spur zu wechseln (ohne Blinken versteht sich) – auch wenn ich da auf der Vespa bin. Registrieren, bremsen, ausweichen, rutschen… alles eins, und ehe ich denken konnte, lag ich unter der Vespa. Der Typ fuhr weiter.

Geistesgegenwärtig (oder auch vollkommen irre?) Vespa hoch, rauf, hinterher. Kaum bin ich neben dem LKW, macht der Typ sein Fenster runter und redet irgendwas. Gibt es noch mehr Indiz, dass er mich gesehen, meinen Sturz mitbekommen hat? Ich schreie ihn an, er will nicht halten. Ich fahre todesmutig vor ihn, zwinge ihn. Die Frau im Audi, die mich glücklicherweise nicht überrollt hatte (vielen Dank noch mal), fährt weiter. Unglaublich! Der Rest hinter ihr auch. All meine Zeugen – weg in einer Spritzwasserfontäne.

Nachdem die Polizei alles aufgenommen hat, schleppt der ADAC meine Vespa (Lenker völlig verzogen, ein Spiegel ab, meine Schöne zerkratzt!) zur Werkstatt meines Vertrauens und mich lädiertes Etwas gleich mit.

Von da fahre ich in die Notaufnahme (nicht, weil ich es tun will, sondern weil die Polizei einen Unfall mit verletzter Person aufgenommen hat und da muss die Verletzte in die Klinik). Ein Arbeitswegunfall, stellt die Dame an der Aufnahme fest, lässt mich Papiere ausfüllen (würde die das auch machen, wenn ich fast tot wäre?) und schickt mich dann auf einen Stuhl. Der steht skurrilerweise vor dem Gipsraum.

Ich warte und gucke den Gang entlang. Sehe Ärzte und Pfleger (woran erkennt man eigentlich, wer was ist?) in den Nischen verschwinden, aus denen die Enden von Betten hervorlugen und die durch rollbare Wände voneinander getrennt sind. Auf einmal fühle ich mich sehr allein und ängstlich, dass ich mir doch was getan habe.

Je länger ich warte, desto mehr schmerzt das Bein, desto mehr anderes fängt an weh zu tun. Macht einen ein Krankenhaus etwa automatisch zum Hypochonder? Ich lenke mich ab, indem ich die Vivantes-Tüten zähle, die an den einzelnen Betten hängen. Mir haben sie keine gegeben. Vielleicht habe ich nicht genug Habseligkeiten bei mir?

Ich könnte eine Freundin anrufen. Aus einer der Nischen kommt immer wieder dieses „nein“, gesprochen mit einer Stimme, die irgendwo zwischen den Geschlechtern havariert zu sein scheint. Mir fallen mindestens drei Freundinnen ein, die sofort kommen würden.

Endlich bringen sie mich in einen Untersuchungsraum. Der ist nahezu lächerlich groß. Riesige Zettel hängen an den Schränken, darauf stehen Sachen, denen ich jetzt nicht zu nahe kommen möchte. Der Arzt hat keinen weißen Kittel an, sondern ein grünes OP Hemd (wie schlimm steht es um mich?) und ist reichlich jung. Ich bin froh, dass ich eine bestimmte der drei Freundinnen nicht angerufen habe, die würde den Arzt zum Frühstück nehmen.

Ich werde abgedrückt (am Bein tut es reichlich weh, Rücken und Hüfte geben sich gelangweilt), dann muss ich mich hinlegen und der Arzt verdreht mein Bein in alle möglichen Richtungen (und auch in ein paar unmögliche). Meine Diagnose ist sehr gewöhnlich. Ich habe mir einen großen Muskel gezerrt und bekomme einen bösen (böse hat er nicht gesagt) blauen Fleck, der behandlungsbedürftig wird, wenn er eine Verhärtung nach sich zieht.

Als ich das Krankenhaus verlasse ist die Temperatur um gefühlte 20 Grad gefallen, ein eisiger Wind greift an und Nieselregen säuselt ein Gutenachtlied. Die Ärzte und Pfleger stehen vor dem Notausgang und rauchen. Ich gehe allein nach Haus.