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Das Sterben hat eine hässliche Fratze

Früher oder später in unserem Leben stellt sich uns das Sterben zum ersten Mal in den Weg – wenn es nach einem Menschen greift, der uns nahe steht. Aber was stellt das mit uns an? Was macht das aus uns?

Auf die Frage, ob er den Tod fürchte, antwortete Woody Allen unlängst in einem Interview, nein, das nicht, aber er zöge es vor, beim Sterben nicht dabei zu sein. Was auf den ersten Blick komisch klingt, manch einen gar auflachen lässt, ist näher betrachtet eine bittere Weisheit. Und eine, die viele Menschen teilen. Fragt man sie nämlich, so erhält man verblüffend oft eine ähnliche Antwort – wenn auch selten so heiter verpackt.

Wer genau hinsieht weiß, der Tod kommt in nahezu unendlich vielen Schattierungen daher, in dunklen Farben, nie leuchtend und voller Licht. Meist hat er die Qual im Gepäck und Schmerzen. Selten ist er friedlich und sanft.

Man stirbt so, wie man gelebt hat, besagt ein altes Sprichwort. Vielleicht ist etwas dran. Doch darüber nachzudenken würde bedeuten, dem hinterher zu tasten, was einem selbst bevorstehen mag. Aber dann müsste man der Angst ins Gesicht sehen. Und wer will das schon?

Jedes Mal, wenn ich nun die Klinke der Zimmertür meiner Mutter im Pflegeheim herunterdrücke, tue ich genau das: Ich sehe der Angst ins Gesicht (und ich wünsche, ich könnte sagen, es mache mir nichts aus). Ich begebe mich Angesicht zu Angesicht mit dem Tod, der begonnen hat, in einer Ecke auf seine Stunde zu lauern.

Ich schrecke nicht eine Sekunde zurück vor der hässlichen Fratze des Sterbens.

Ich fühle mit meiner Mutter, die in ihrem Körper gefangen ist, der ihr nicht mehr gehört, den sie kaum mehr kontrollieren oder steuern kann. Ich halte die warme Hand und fürchte den Moment, an dem sie kalt werden wird. Ich bin da, denn das ist alles, was ich noch tun kann. Und diese Hilflosigkeit ist es wohl, was der Mensch am wenigstens aushalten kann.

In all der Hoffnungslosigkeit auf diesem langen, letzten Abschied, dessen Endgültigkeit einen den Atem anhalten lässt, als könnte man so jede Sekunde verlängern, zur Ewigkeit gerinnen lassen, gibt es immer wieder erstaunlich schöne Momente:
Eine geteilte Erinnerung an die Kindheit zaubert ein Lächeln ins gequälte Gesicht. Eine Sekunde innigsten Schweigens bringt uns einander näher als wir es je gewesen sind. Eine Berührung ist in ihrer Leichtigkeit intensiver als jede andere zuvor.

Einiger waren wir uns nie, haben niemals so fest zueinander gestanden wie auf diesem letzten Weg.

Und ich begreife nach und nach, dass es eine grundlegende Erfahrung ist, das Sterben meiner Mutter zu begleiten, die mich für immer verändern wird.