Inseltrümmer

Traurige Augen, hängende Schultern, herabgezogene Mundwinkel. Was, wenn diese Zeichen fehlen, aber der Mensch inmitten Menschen ganz allein ist? Wie einsam muss man also sein, ehe es jemand merkt?

In der U-Bahn sehen viele so aus. Hängen auf den Sitzen, schon morgens erschöpft von einem Tag, der noch nicht mal richtig angefangen hat. Hetzen zu ihrem Job, schleppen sich durch einen Tag und schlafen auf dem Rückweg in der Bahn ein. Keiner sieht keinem in die Augen. Niemand hat auch nur ein freundliches Lächeln für das Gegenüber im Gepäck. Sind wir verroht? Oder einfach nur vereinsamt? Treiben als Inseln im Ozean der Leere?

Das Leben kann einen beuteln. Manchmal ist es ein Biest, das in der Ecke sitzt und sich kaputt lacht. Gemein, mit einer teuflischen Freude daran, sich immer noch ein Unglück einfallen zu lassen, dass es auf einen niederprasseln lassen kann, wenn man gerade versucht, wieder aufzustehen. Und es kann wahrlich einfallsreich sein, dieses Monster.

Bringt Oma und Opa um die Ecke, ehe man in die Schule kommt. Lässt den Vater abtreten, kaum, dass man halbwegs erwachsen ist. Sorgt dafür, dass man sich den falschen Mann aussucht. Bringt nach jahrelanger Kleinarbeit ein ganzes Leben zum Einsturz.

Und dann? Dann wacht man eines Morgens auf und betrachtet die Trümmer. Niemand mehr da, der mit einem das Leben teilt. Sieht der Schwester nach, die längst klammheimlich begonnen hat, rückwärts zu schleichen. Wer sollte es ihr verdenken? Keiner geht gern neben einer Unglücklichen einher. Die Mutter ist dabei, das eigene Leben loszulassen, die Konturen schon unscharf, die Farben verblasst. Freunde?

Die Wachen sind längst auf und davon, wenige noch da. Haben gerade erst Witterung aufgenommen, fragen sich vielleicht schon, was da so modrig riecht. Ein paar bleiben – eventuell.

Doch die einsame Insel selbst, die kann nicht mehr die Hand ausstrecken, war in ihrem ganzen Leben nie so allein. Und fragt sich, warum Rihanna ausgerechnet jetzt singen muss

„…how come when I reach out my fingers, it feels like more than distance between us…“

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